Turbostudenten

von Maximilian Lowisch

Grünwald, Robert ; Kopper, Marcel ; Pohl, Marcel: Die Turbo-Studenten. Die Erfolgsstory: Bachelor plus Master in vier statt elf Semestern. Offenbach : Gabal, 2013

Ich erinnere mich noch gut an eine Diskussion, die wir letztes Jahr führten, als es darum ging, passende Texte für unsere Informationsmaterialien zu finden. Es stand ein Vorschlag im Raum, den wir hinterher größtenteils umsetzten, bei dem es allerdings einen Teil gab, der bei manchem Teilnehmer zu Unbehagen führte. Konkret war es so, dass wir aus LIS von LIS-Corner eine Studentin mit dem Namen Lis machen wollten, anhand derer wir erklären würden, worum es sich bei der LIS-Corner handelt. Eine Aussage sollte unter anderem lauten, dass Lis eine unverbesserliche Langzeitstudentin und an unterschiedlichen Hochschulen gleichzeitig eingeschrieben sei. Eigentlich sollte dies eine Anspielung auf die unterschiedlichen Hochschulen an unserem Messestand sowie die Kontinuität der Teilnahme der LIS-Corner an der Frankfurter Buchmesse sein. Diesen Teil strichen wir schließlich, weil sich so mancher Leser und Besucher, mit vor sich hingammelnden Studierenden vor dem geistigen Auge, abgeschreckt fühlen könnte.

Heute allerdings durfte ich feststellen, dass zumindest ein Teil der Aussage nicht ganz so abwegig ist. Bei der Buchvorstellung des Titels „Die Turbo-Studenten“ von Robert Grünwald, Marcel Kopper und Marcel Pohl präsentierten die drei ihr in ein Buch verpacktes Erfolgsrezept für ein Turbostudium. Turbo als inflationär gebrauchtes Wort lässt einen nur selten aufhorchen, der Titelzusatz, und hier handelt es sich sogar noch um eine Untertreibung, machte dagegen einen fast schon einschüchternden Eindruck: In nur vier statt der vorgesehenen elf Semestern absolvierten die drei ein Bachelor- sowie Masterstudium in Finance und Accounting (Finanzen und Rechnungslegung) an einer privaten Fachhochschule. Müßig zu erwähnen, dass es eigentlich nur zwanzig Monate waren und alle nebenher noch eine Ausbildung machten und abschlossen. Eines ihrer Erfolgsgrezepte, und da komme ich zu Lis zurück, war dabei, unterschiedliche Standorte der Hochschule zu besuchen, um so möglichst viele Veranstaltungen zur gleichen Zeit zu belegen. Alles in allem ist es den Schnell-Studenten wohl nur gelungen, ihr Studium derart abzukürzen, weil sie über ein ausgeklügeltes Projektmanagement und eiserne Disziplin verfügen. Die Botschaft des ganzen Vortrags lautete schließlich auch, dass das Studium als Projekt gesehen werden könne und dementsprechend vorgegangen werden müsse: Planung, Durchführung und Kontrolle. Mit diesen vier Semestern für Bachelor plus Master sind die drei die in Deutschland schnellsten Studenten aller Zeiten. Ihre Botschaft lautet jedoch nicht, dass dies nun ein Erfolg sei, an dem sich andere zu messen haben, sondern dass das Studium in der Hinsicht flexibilisiert werden solle, dass es Studierenden möglich sei, ihr Studientempo selbst zu bestimmen. Wer ein Studentenleben führen möchte, soll das tun.

Abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass zu solch einem Schnellstudium nur ein ausgeklügeltes Projektmanagement und nicht auch überdurchschnittliche Intelligenz gehört (einer der drei verfügt über ein photographisches Gedächtnis), bereitet das Gefühl Unbehagen, dass in Zukunft das Studium derart flexibilisiert werden könnte, wie die drei sich das vorstellen, würde der Konkurrenzkampf an Hochschule und Arbeitsmarkt doch noch größer werden: Sechs statt fünf Semester für einen Bachelor? Das könnte schon als erheblicher Makel aufgefasst werden, wenn Arbeitgeber und Öffentlichkeit davon ausgingen, dass die Studienzeit im reinen Ermessen der Studierenden liegt. Und wie stünde es um die Forschung, wie um das Interesse der Studierenden am eigenen Fach? Hier geben die Wirtschaftsabsolventen zu, dass ihre Art des Studiums schlicht ungeeignet sei, um sich mit Inhalten tiefergehend auseinander zu setzen. Alles in allem bleibt also ein gemischtes Gefühl: Ehrfurcht vor ihren Leistungen und die Frage, was von einer Universität übrig bleibt, deren Studierende, ohne den Blick nach links oder rechts zu wenden, im Schnelldurchlauf Schein nach Schein machen.

 

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2 Kommentare zu „Turbostudenten“

  1. Ehrlich gesagt habe ich mich mit der „Geschichte“ dieser drei Studenten noch nicht auseinandergesetzt und kenne sie daher nur von hier und aus einer vergleichsweise kurzen Zeitungsmeldung.
    Allerdings möchte ich kurz etwas anmerken:

    1. gleichzeitige Ausbildung und Studium scheinen ja thematisch gut zusammen zu passen, d. h. vieles wird sich inhaltlich gedoppelt haben

    2. es handelt sich um ein Studium der Wirtschaftswissenschaften.
    Soweit mir das bekannt ist, ist der wissenschaftliche Anspruch hier relativ gering, die Leistungen werden bis auf die Abschlussarbeiten ausschließlich durch Klausuren gemessen und somit ist der Anteil an selbst gesteuertem Lernen doch sehr gering. (Ich würde soweit gehen, ein normales wirtschaftswissenschaftliches Bachelorstudium eher als Ausbildung zu veranschlagen – vor allem, wenn ich von Studenten dieses Faches höre, dass empirische, ernsthaft auf Forschung angelegte Fragestellungen für Abschlussarbeiten nicht unbedingt gerne gesehen sind.)

    Unter diesen Gesichtspunkten erscheint mir die Leistung nicht gar so beeindruckend.
    Beeindruckend fände ich eine Grafikdesignausbildung in Kombination mit Romanistik oder ähnliches. Das allerdings schon in der Regelstudien- statt in der Turbozeit.

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