Lobo/Passig: „Internet – Segen oder Fluch“

Wer heute einen Sachbuchbestseller schreiben möchte, schreibt gerne über Nerds und deren Einfluss aufs Zeitgeschehen oder über die Gefahr der Technisierung für Verstand und Intelligenz. Dahinter stehen in der Regel zwei gegensätzliche Einstellungen, die von der jeweiligen Seite oft ohne jede Einsicht als gegenstands- und wertlos verurteilt werden.

Ein Buch, das für mehr Toleranz zwischen Internetskeptikern und -optimisten sorgen soll, ist dagegen ein seltener Gast in deutschen Buchhandlungen. Ob Kathrin Passig und Sascha Lobo mit ihrem Titel „Internet – Segen oder Fluch?“ einen Beststeller landen, bleibt abzuwarten, die Diskussion am Stand der „Zeit“ am Buchmessemittwoch gab jedoch erste interessante Einblicke in das neue Machwerk.

Das Gespräch zwischen Ijoma Mangold von der „Zeit“, Kathrin Passig und Sascha Lobo drehte sich gleich zu beginn um eine die Grundsätze des traditionellen Publizierens berührende Fragestellung: Warum sind Bücher über Netzthemen eigentlich immer von mindestens zwei Autoren verfasst? Co-Autorschaft sei wohl in der Idee des Netzes technologisch vorausgesetzt, so Mangold. Lobo, der in der virtuellen Schreibwerkstatt gerne mal ein „totaler Quark“ für so manche seiner Passagen von Passig bescheinigt bekommt – während diese derweil den Zorn des Lektorats auf sich zieht – hat sich an das „Prozessuale“ des Arbeitsprozesses sowie der Veränderung seines eigenen Schreibstils durch eine ständig wachende, bewertende Öffentlichkeit gewöhnt.

Nach dem Anwärmen ging es doch in medias res. Lobo und Passig wollten kein Buch schreiben, das wieder einmal die Extremmeinung einer Seite – Internetoptimisten und -pessimisten – bediene, sondern zu Annäherung aufrufen. „Sozialarbeiter“ für die netzpolitische Debatte nennt das bissig die „Zeit“. Lobo und Passig wollen den Ausgleich zwischen beiden Seiten, den Skeptikern und Optimisten, schaffen, wenngleich beide selbst zu den Netzoptimisten gehören und sich so einer allzu wertenden Haltung nicht entziehen können. Sie wollen aber vermitteln, dass das mögliche Rechthaben ertragen werden muss, ganz gleich von welcher Seite. So sieht Lobo die Aufweichung des Urheberrechts als problematisch an und zeigt sich eher pessimistisch, was ein funktionierendes Finanzierungsmodell für den Journalismus im Netz angeht, das die Qualität des Journalismus auf dem gleichen Niveau wie den des heutigen im Printbereich halten könnte.

Dieses kurze Gespräch soll uns als Bibliothekare nicht unbedingt zum Kauf des Buches sondern dazu anregen, einmal über die Grabenkämpfe nachzudenken, die in unserem Lager geführt werden. Wenn die einen Direktoren ihren Benutzerinnen und Benutzern vorschreiben, dass diese ab sofort nur noch digital zu lesen haben und alles möglichst nur noch digital beschafft wird, dann ist das vielleicht eher einer radikalen Meinung eines Einzelnen geschuldet als dem tatsächlichen Bedarf oder Wunsch der Benutzenden. IT-Spezialisten und haben dabei immer häufiger das Sagen – aber haben sie sich einmal mit der ihren Kolleginnen und Kollegen, Benutzerinnen und Benutzern auseinandergesetzt? Genau so ließe sich umgekehrt fragen: Sind Bibliotheken für die Zukunft angemessen aufgestellt? Halten wir es mit Lobo und Passig: Annäherung durch Toleranz – wobei jeder seine Brille aufbehalten darf, wenn er dann auch in der Lage ist, sie überhaupt einmal abzusetzen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Lobo/Passig: „Internet – Segen oder Fluch““

  1. Eure letzten Sätze beschreiben ein grundsätzliches Problem aktueller bibliothekarischer Arbeit: Unwissen über Anforderungen an uns und wenig partizipative Prozesse. Ein Ausweg daraus lässt sich nur durch mehr Partizipation erreichen, d.h. heißt aber auch der Begriff „Kunde/Kundin“ wieder verschwinden zu lassen und sich endlich auf eine Ebene zu begeben.

    PS Kaufen kann man das Buch trotzdem 🙂

  2. „wenn er dann auch in der Lage ist, sie überhaupt einmal abzusetzen.“ wie wahr…das müssen manche im Bibliothekswesen noch lernen.

    Unsere Naturwissenschaftsstudenten sind vom Lehrbuch in E-Book-Format gar nicht mal so begeistert und ziehen dies bestenfalls als Notlösung in Betracht, wenn alle gedruckten Exemplare ausgeliehen sind. Der mobile OPAC wird dagegen besser angenommen. Gelegentlich hält mir ein Student sein Smartphone vor dir Nase und fragt, wo das Buch mit der jeweiligen Signatur steht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s